
Heidelberg Pharma arbeitet noch enger mit Huadong zusammen
Heidelberg Pharma und Huadong Medicine rücken immer enger zusammen: Aus einer Lizenzpartnerschaft ist eine Allianz aus Kapital, gemeinsamer ADC-Entwicklung und klinischer Forschung geworden. Nun kommen bis zu sechs neue Zielmoleküle hinzu, die Partnerschaft wird immer strategischer.
Im Mittelpunkt der deutlich vertieften Zusammenarbeit stehen bis zu sechs neue Zielmoleküle. Beide Seiten wollen dafür ihre Technologien und Entwicklungskompetenzen zusammenbringen – darunter Heidelberg Pharmas proprietäre ATAC-Technologie mit Amanitin als Payload und die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten des chinesischen Partners.
Die neue Vereinbarung scheint dabei weniger ein isolierter Deal als der nächste Schritt einer bereits seit Jahren enger werdenden Beziehung zu sein.
Vom Lizenzgeschäft zum strategischen Partner
Der Ausgangspunkt war Ende Februar 2022. Heidelberg Pharma und Huadong Medicine vereinbarten damals eine strategische Partnerschaft, die deutlich über eine reine Lizenzierung hinausging. Huadong erhielt exklusive Entwicklungs- und Vermarktungsrechte für Heidelberg Pharmas ATAC-Kandidaten HDP-101 und HDP-103 in zahlreichen asiatischen Märkten. Vereinbart wurden 20 Mio. US-Dollar Vorauszahlung, potenziell bis zu 449 Mio. US-Dollar an Meilensteinzahlungen sowie gestaffelte Umsatzbeteiligungen. Für weitere Programme wurden zusätzliche Optionen vereinbart.
Noch wichtiger für die langfristige Perspektive war jedoch die zweite Säule des Deals: Huadong beteiligte sich auch an Heidelberg Pharma und wurde zu einem strategischen Aktionär. Im Zuge der Kapitalmaßnahme war eine Beteiligung von insgesamt rund 35 Prozent vorgesehen.
Damit entstand eine Konstellation, die sich von einem klassischen „Lizenzgeber gegen Lizenznehmer“-Modell unterscheidet. Huadong hat nicht nur ein wirtschaftliches Interesse an einzelnen Heidelberg-Programmen, sondern zugleich ein Beteiligungsinteresse am Unternehmen und damit an der zugrunde liegenden Technologieplattform.
HDP-101 bringt die Partnerschaft in die Klinik
Wie tragfähig dieses Modell ist, zeigt sich inzwischen an HDP-101, dem führenden ATAC-Kandidaten von Heidelberg Pharma. Das gegen BCMA gerichtete ADC – inzwischen unter dem Namen Pamlectabart Tismanitin geführt – wird beim multiplen Myelom entwickelt.
Während Heidelberg Pharma die klinische Entwicklung in Europa und den USA vorantreibt, hat Huadong die Entwicklung in China übernommen. Im März 2026 wurde dort der erste Patient in einer Phase-I-Bridging-Studie behandelt. Damit wurde ein vertraglich vereinbarter Entwicklungsmeilenstein erreicht und eine Zahlung an Heidelberg Pharma ausgelöst.
Inzwischen geht die Zusammenarbeit bereits über diese Brückenstudie hinaus. Ende August erteilte die chinesische Arzneimittelbehörde NMPA die Genehmigung für eine Phase-Ib/II-Studie, in der HDP-101 bei Patienten mit rezidiviertem oder refraktärem multiplem Myelom in Kombination mit etablierten Therapien untersucht werden soll. Huadong übernimmt dabei die Entwicklungskosten in China.
Parallel entwickelt sich die ATAC-Technologie auch außerhalb der unmittelbaren Heidelberg-Pipeline weiter. So hat Heidelberg Pharma die Technologie an Takeda für einen eigenen ADC-Kandidaten lizenziert. Im Januar 2026 wurde nach dem Start einer Phase-I/II-Studie mit diesem Kandidaten bei Patienten mit soliden Tumoren eine weitere Meilensteinzahlung fällig. Damit befanden sich zu diesem Zeitpunkt bereits drei ATAC-basierte Kandidaten in klinischer Entwicklung.
Für Heidelberg Pharma ist das ein wichtiger Punkt: Das Unternehmen entwickelt nicht lediglich einen einzelnen ADC, sondern versucht, eine eigene Technologieplattform rund um Amanitin als Wirkstoffkomponente zu etablieren. Die Strategie sieht ausdrücklich vor, die Pipeline bis zum klinischen Proof of Concept zu entwickeln, weitere Forschungs- und Optionsvereinbarungen einzugehen und diese bei Erfolg in langfristige Lizenzpartnerschaften zu überführen.
Und dann kam der Wechsel an der Spitze
Besonders bemerkenswert ist allerdings, was Ende 2025 auf personeller Ebene geschah. Im November widerrief der Aufsichtsrat die Bestellung von Prof. Andreas Pahl als Vorstandsvorsitzendem und berief stattdessen Dr. Dongzhou Jeffery Liu zum neuen CEO. Pahl, der seit 2016 dem Vorstand angehört hatte und seit Februar 2024 dessen Vorsitzender war, verließ das Unternehmen und ist mittlerweile CEO bei der schwedischen ADC-Firma Simris Biologics an ihrem Berliner Forschungssitz.
Liu kam nicht einfach von einem anderen Pharmaunternehmen: Er war zu diesem Zeitpunkt Chief Scientific Officer und President von Huadong Global Development bei Huadong Medicine. Noch unmittelbar vor seinem Wechsel in den Vorstand von Heidelberg Pharma war er zudem Mitglied des Aufsichtsrats von Heidelberg Pharma. Dieses Mandat hatte er seit 2022 inne. Mit seiner Berufung zum CEO wechselte er damit gewissermaßen von der Kontroll- auf die operative Seite des Unternehmens.
Die personelle Verbindung ist damit ungewöhnlich eng: Der CEO von Heidelberg Pharma kommt aus dem Management des wichtigsten strategischen Partners und zweitgrößten Aktionärs. Liu bleibt zugleich fachlich eng mit Huadong verbunden; seine Expertise umfasst mehr als 25 Jahre pharmazeutische Forschung und Entwicklung, darunter ausdrücklich auch ADC-Produkte.
Damit hat die Zusammenarbeit inzwischen mehrere Ebenen erreicht: Kapital, Lizenzen, gemeinsame klinische Entwicklung, Forschung – und nun auch die personelle Führung.
Jetzt geht es um die nächste Generation
Genau hier setzt die neue Vereinbarung mit Huadong an. Die Partner wollen künftig gemeinsam neue ADCs erforschen und entwickeln. Dabei sollen bis zu sechs Zielmoleküle bearbeitet werden. Zum Einsatz kommen können firmeneigene Antikörper oder Technologien von Huadong sowie unterschiedliche Toxin-Payloads aus dem Heidelberg-Umfeld.
Besonders interessant ist die geplante Entwicklung bispezifischer und multispezifischer ADCs. Die Idee dahinter: Durch die Kombination verschiedener Zielstrukturen und Wirkmechanismen soll die Selektivität erhöht und gleichzeitig die biologische Wirksamkeit verbessert werden. Die Rechte an den daraus entstehenden Entwicklungskandidaten sollen entsprechend der jeweiligen Beiträge zwischen den Partnern aufgeteilt werden.
Damit verändert sich auch die Logik der Zusammenarbeit. Ging es 2022 zunächst darum, Heidelberg Pharmas vorhandene Kandidaten für den asiatischen Markt zu lizenzieren, wird nun bereits gemeinsam an der nächsten Generation von Produkten gearbeitet.
Das passt auch zur aktuellen Situation bei Heidelberg Pharma. Das Unternehmen konzentriert seine eigenen Ressourcen derzeit vor allem auf HDP-101, während andere Programme für Partnerschaften zur Verfügung stehen. Gleichzeitig arbeitet Huadong bereits an der weiteren klinischen Entwicklung von HDP-101 und gemeinsam mit Heidelberg Pharma an zusätzlichen Projekten, um das Potenzial der ATAC-Technologie für weitere Indikationen auszuloten.
Zwei Seiten einer globalen ADC-Strategie
Die Entwicklung zeigt damit ein bemerkenswertes Muster: Heidelberg Pharma bringt eine hochspezialisierte Technologieplattform und klinische Entwicklungsprogramme aus Europa ein, Huadong wiederum verfügt über erhebliche Forschungs-, Entwicklungs- und Kommerzialisierungskapazitäten in China und Asien. Beide Seiten können ihre jeweiligen Stärken dort einsetzen, wo sie besonders wertvoll sind.
Für Heidelberg Pharma ist die Kooperation zudem ein Weg, die eigene Technologie international zu skalieren, ohne sämtliche Entwicklungs- und Vermarktungskosten selbst tragen zu müssen. Für Huadong eröffnet die Zusammenarbeit Zugang zu einer differenzierten ADC-Technologie und zu neuen Produktkandidaten.
Aus einer einzelnen Lizenz ist so innerhalb von vier Jahren ein immer dichteres Geflecht aus Kapitalbeteiligung, Lizenzierung, klinischer Entwicklung und gemeinsamer Forschung geworden.
Und genau deshalb stellt sich inzwischen eine weitergehende strategische Frage: Wenn zwei Unternehmen über Jahre hinweg immer mehr ihrer Technologien, Entwicklungsprogramme, Kapitalinteressen und Marktchancen miteinander verbinden – könnte eine solch große Asset-Zusammenarbeit am Ende nicht sogar noch besser unter einem gemeinsamen Dach funktionieren? Es ist kein Geheimnis, dass die Anteilseigner aus dem Familienuniversum Hopp irgendwann einen Ausstieg bei Heidelberg Pharma anstreben, der durch die geringe Free-float-Quote und deutliche Mehrheitsposition über die Börse nur schwer zu erreichen sein dürfte. Ein Partner, der immer mehr einsteigt und übernimmt, wäre da eine Variante.

NIH.gov
Karolina Kuodyte/EMBL
Simris Group AB